Wintergesang

1. DEr kuertzest tag und laengste nacht
den grawen Winter bringen:
die Nordenwinde sich mit macht
auß ihren kammern dringen:
die stroehm und see
vor frost und schnee
sich schliessen allerdingen.

2. Der gruene wald ist worden kahl /
das bundte feld entkleidet:
kein zam- noch wildes thier zumal
an seinem ort sich weidet:
das federheer
singt auch nicht mehr /
ein theil von uns wegscheidet.

3. Das einsam turturtaeubelein
nur seufftzend wird gehoeret:
die rabenstimm ist jetz gemein /
und uns das ghoer versehret:
melancholey
wohnt allem bey /
und alle freud zerstoeret.

4. Was lebt und schwebt den winter scheucht /
und suchet sich zu waermen:
der kriegsmann selber sich verkreucht /
und machet keine laermen:
das alter jetz
liebt ofenshitz /
von wegen kalter daermen.

5. Der weidmann doch / fuer seinen spaß /
das hochgewilde hetzet:
das eiß; wann es wie spiegelglaß;
die jugend auch ergetzet:
man metzget eyn
vil feißte schwein /
und sich zum wurstmahl setzet.

6. Der Winter; alß des jahres bauch;
verzehrt was wir erworben
mit saurer arbeit / zum gebrauch
wann jetz die saat erstorben:
wann ueberal
zu berg und thal
ist alles wie verdorben.

7. Also; dem winter gleich; die zeit
im alter uns verschlinget:
doch ist vom tode nicht befreyt
der jung / wie hoch er springet:
drum haltet wacht
bey tag und nacht /
und so zum leben dringet!

Johann Wilhelm Simler

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