Sechstinne

Wett-streit der haare / augen / wangen / lippen / halß und brueste

Haare
WEr sagt / daß unser ruhm nicht goeldne fessel schencket /
Wenn sie ein linder West um beyde brueste schwencket /
Entkerckert frey und loß? hier wird ein geist umschrencket
Mit steter dienstbarkeit / der vor sich weggelencket
Von band und ketten hat. Ein ewig nectar traencket
Der haare liebes-reitz / der nur auff lust gedencket.

Augen
WO unser flammen quell nicht heisse strahlen schencket /
Und den entbrandten blitz in hertz und seele schwencket /
So wird kein sterblich mensch mit huld und gunst umschraencket /
Hat unser leitstern nicht der liebe glut gelencket /
So wird sie gantz und gar in thraenen-fluth ertraencket;
Wer ist der jemahls liebt / und unser nicht gedencket?

Wangen
UNs hat Cupido glut / die rose blut geschencket /
Die lilje schnee! der sich um beyde zirckel schwencket /
Hier stehet helffenbein mit purpur rings umschraencket /
Und manch verliebter mund steht bloß auff uns gelencket /
Wen nicht die liljen-milch und rosen-oele traencket /
Der ist ein marmelstein / der nie an lust gedencket.

Lippen
DEn koecher voller pfeil hat Venus uns geschencket /
Und ist es wunders werth / daß unsre glut sich schwencket
Biß an das sternen-dach? Hier liegt ein brand versencket /
Der ewig zunder gibt / der mit rubin umschrencket /
Die feuchte suessigkeit / wenn mund am munde hencket /
Und die vergnuegte seel mit zimmet-saefften traencket.

Halß
SEht meine perlen an / die Venus selbst getraencket
In ihrem liebes-schoß: Seht was sie mir geschencket /
Als umb der mutter halß Cupido sich geschwencket /
Und seine suesse pein ins helffenbein versencket;
Hier lieget schnee und glut im gleichen kreyß geschwencket /
Ich bin der thurm / an dem der liebe ruestzeug hencket.

Brueste
DIß schwesterliche paar / das voll von flammen hencket /
Von aussen vieler hertz mit liebes-oele traencket /
Inwendig aber feur als wie ein Aetna schencket /
Da doch das schnee-gebuerg sich von dem athem schwencket /
Und wieder von dem west der seuftzer nieder sencket /
Haelt alle lust und lieb in seinem platz verschrencket.

Nachklang der Sechstinne
DEr haare schoenes gold / der augen lichter brand /
Der wangen paradieß / der lippen himmel-wein!
Hat mit des halses zier / ohn allen zwang / bekannt
Daß auff den bruesten soll der liebe ruhstatt seyn.

Heinrich Mühlpfort

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