Fünf oder sechs famose Damen

EINS

Waldmann. Eines Tages geht es weiter.
Mit dem einen und dem andren Bein
geht er in die Mondscheinnacht hinein.
Ein paar Damen heben ihre Kleider.

Damen in bedeckten Ecken, singend,
dick und dünn und weit und breit und ganz
tief gebückt in einem großen Glanz,
schwingend und die ganze Welt verschlingend.

Eine Dame zieht ihn in das Haus.
Haben Sie heut abend etwas vor?
fragt die Dame dicht an Waldmanns Ohr.
Worauf bitte wollen Sie hinaus?

Eine Dame äußert an der Haustür Freude.
Waldmann sagt: ich habe nichts dagegen
mich mit Ihnen auf ein Bett zu legen,
aber morgen, nicht gerade heute.

Eine Dame will die Nacht genießen.
Wollen Sie mir etwas Liebe schenken?
Waldmann sagt: da habe ich Bedenken.
Nein, Madame, ich kann mich nicht entschließen.

Eine Dame hat fast gar nichts an
und sie winkt vergnügt mit der Pleureuse:
Herr, Sie haben etwa meine Größe.
Vielen Dank ich muß zur Straßenbahn.

Eine Dame sprühte auf und glühte
und entledigt sich der Unterteile.
Tut mir leid, Madame, ich bin in Eile,
ich bin fremd, das kommt nicht in die Tüte.

Eine Dame hat den Rock gehoben:
in der Höhe zeige ich noch mehr.
Ach, Madame, das paßt mir nicht so sehr.
Waldmann seufzt und steigt mit ihr nach oben.

ZWEI

Im galant gepolsterten Salon
findet er die allererste Dame
in Gesellschaft packender Romane
leicht umweht von Schleiern aus Chiffon.

Und die zweite sitzt am Grammophon
schmelzend von den Stimmen der Tenöre
und der weichen Donkosakenchöre,
bittet sie um etwas Diskretion.

Ausgestreckt die dritte in dem Duft
feiner meterlanger Zigaretten,
auf dem Samt geschwellter Lagerstätten
schwebt sie ohne Worte durch die Luft.

Ein Jasmingeruch durchdringt den Raum.
Nummer vier steigt aus dem Badewasser,
Lappen schmatzen und ihr nasser blasser
Körper hebt sich aus dem Wannenschaum.

Tief aus einer Schale von Kristall
schleckt die fünfte Mirabellenmus,
etwas spritzt direkt auf die Dessous,
delikat, ein kleiner Zwischenfall.

Etwas Ruhe ist jetzt angebracht.
Träumend steht die sechste an den schweren
golddurchwirkten seidenen Portieren
und schaut in die ferne Sommernacht.

Diese Damen, eins zwei drei und vier
fünf und sechs in Samt Batist Flanell
Taft Satin erheben sich jetzt schnell
und begrüßen ihren Kavalier.

Und Hans Waldmann, höflich, leicht gebogen,
auf dem dicken Teppich von Velour,
im gedämpften Licht um zwanzig Uhr,
hat den Handschuh von der Hand gezogen.

DREI

Eine Dame schlüpft aus ihrem Pelz,
hier im dritten, folgenden Kapitel.
Eine Dame knöpft an ihrem Kittel.
Waldmann sagt: natürlich, mir gefällts,

aber leider ist es mir zu laut.
Eine Dame rauscht und ruft allez!
Eine lüftet rasch das Negligé.
Eine schält sich aus der Regenhaut.

Dann entledigt sie sich ihrer Schuhe.
Von der sechsten Dame fällt die fesche
zarte schwarze Spitzenunterwäsche.
Waldmann sagt: Madame, ich brauche Ruhe.

Ach mein Herr, ich will mich jetzt entfalten,
sagt die erste Dame ziemlich nett,
und sie öffnet freundlich das Korsett.
Ihren Hut, den hat sie aufbehalten.

Und die zweite sagt: ich bin bereit
für den Lebensmitteleinzelhandel,
und sie springt aus einem Gummimantel.
Waldmann sagt: ich habe keine Zeit.

Und die dritte, eine blasse keusche
Dame sagt: mein Herr, ich werde schwach.
Waldmann sagt: ich hasse diesen Krach,
ich verbiete sämtliche Geräusche.

Eine Dame hängt sich etwas um,
eine andre zieht sich etwas über,
eine schaut zur anderen hinüber,
eine setzt sich ans Harmonium.

Jede Dame macht das nach Belieben.
Hier ist nun das Ende des Gedichts.
Was soll man noch sagen? Besser nichts.
Waldmann geht. Die Damen sind geblieben.

Ror Wolf

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