[Sîne klâwen]

»Sîne klâwen
durh die wolken sint geslagen,
er stîget ûf mit grôzer kraft,
ich sih in grâwen
tägelîch als er wil tagen,
den tac, der im geselleschaft
erwenden wil, dem werden man,
den ich mit sorgen în verliez.
ich bringe in hinnen, ob ich kan.
sîn vil manegiu tugent michz leisten hiez.«

»Wahtær, du singest
daz mir manege freude nimt
unde mêret mine klage.
mær du bringest,
der mich leider niht gezimt,
immer morgens gegen dem tage.
diu solt du mir verswîgen gar
daz biut ich den triwen dîn:
des lôn ich dir als ich getar.
sô belîbet hie der selle mîn.«

»Er muoz et hinnen
balde und âne sûmen sich:
nu gib im urloup, süezez wîp.
lize in minnen
her nâch sô verholne dich,
daz er behalte êr und den lîp.
er gab sich mîner triwe alsô,
daz ih in bræhte ouch wider dan.
ez ist nu tac: naht was ez dô
mit druck an brust dîn kus mirn an gewan.«

»Swaz dir gevalle,
wahtær, sinc, und lâ den hie,
der minne brâht und minne enphienc.
von dînem schalle
ist er und ich erschrocken ie:
sô ninder morgenstern ûf gienc
ûf in, der her nâch minne ist komen,
noch ninder lûhte tages lieht,
du hâst in dicke mir benomen
von blanken armen, und ûz herzen nieht.«

Von den blicken,
die der tac tet durh diu glas,
und dô der wahtær warnen sanc,
si muose erschricken
durch den der dâ bî ir was.
ir brüstelîn an brust si dwanc.
der rîter ellens niht vergaz
(des wold in wenden wahters dôn):
urloup nâh und nâher baz
mit kusse und anders gab in minne lôn.

Wolfram von Eschenbach


»Seine Klauen haben durch die Wolken geschlagen,
er steigt auf mit großer Kraft,
ich seh ihn grauen, taggleich, wie er tagen will
den Tag, der die Gemeinschaft ihm
entziehen will, dem edlen Mann,
den ich hereingelassen mit Gefahr.
Ich bring ihn weg von hier, wenn ich es kann:
Sein hoher Wert hieß mich das tun.«

»Wächter, du singst, was mir manche Freude nimmt
und meine Klage mehrt.
Kunde bringst du, die mir leider nicht willkommen,
immer morgens vor dem Tag.
Die sollst du mir durchaus verschweigen.
Das gebiete ich deiner Treue:
ich lohne es dir, wie ich es kann.
Und so bleibt hier mein Freund.«

»Er muß von hinnen, bald und ohne Säumen:
Gib ihm nun Urlaub, süße Frau.
Laß ihn dich lieben hernach so verhohlen,
daß er die Ehre und das Leben bewahre.
Er hat auf meine Treue sich verlassen,
daß ich ihn auch zurückgeleite.
Es ist nun Tag: Nacht war es, als
du ihn von mir empfingst und küssend ihn umarmtest.«

»Sing, Wächter, was du willst, und laß ihn hier,
der Liebe brachte und Liebe empfing.
Von deinem Schall sind er und ich stets erschrocken:
Wenn nirgends noch der Morgenstern aufging
über ihm, der hier zur Liebe kam,
und nirgends leuchtete des Tages Licht,
hast du ihn oft genommen mir
aus blanken Armen – aus dem Herzen nicht.«

Von den Blitzen, die der Tag durch die Scheiben warf
und da der Wächter warnend sang,
mußte sie erschrecken für den, der bei ihr war.
Die Brüste preßte sie an seine Brust,
der Ritter vergaß nicht Manneskraft
(dran wollte hindern ihn des Wächters Lied):
der Abschied, nah und immer näher,
gab ihnen mit Kuß und anders den Lohn der Liebe.

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